Dipl.-Psych. Univ. Antje Preibisch

Eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Psychologin FSP       Diplomierte Bio- und Neurofeedbacktherapeutin

Was ist Neurofeedback?

Neurofeedback ist eine Sonderform des Biofeedback. Beim Neurofeedback handelt es sich um ein wissenschaftlich anerkanntes, computergestütztes Training zur individuellen Optimierung der Hirnwellenaktivität und der Funktionsweise des Gehirns. Neurofeedback basiert auf der Messung und Analyse elektrischer Aktivitätsmuster im Gehirn und deren Rückmeldung (Feedback) mit Hilfe eines Computerprogramms und eines Bildschirms. Im Neurofeedback-Training sitzt man entspannt vor diesem Bildschirm und trainiert verschiedene Hirnfunktionen, wie beispielsweise Konzentration, Gedächtnis, Kreativität, Feinmotorik, Entspannungsfähigkeit etc. Durch Bild- und Tonrückmeldungen erhält das Gehirn Informationen über seine Aktivität und lernt, diese zu optimieren.

 
Das Gehirn ist die übergeordnete Steuerzentrale unseres Körpers. Es überwacht und koordiniert beständig alle Körperfunktionen und psychischen Prozesse. Die damit verbundene elektrische Aktivierung im Gehirn kann mittels Elektroden auf der Kopfhaut in Form so genannter Gehirnwellen abgeleitet werden. Die Messung elektrischer Phänomene des Gehirns bezeichnet man als Elektroenzephalographie (EEG). Aus dem Muster der Gehirnwellen können Rückschlüsse auf den aktuellen Zustand des Gehirns gezogen werden. Verschiedene Gehirnwellen- respektive EEG-Muster spiegeln beispielsweise verschiedene Bewusstseins- oder Wachzustände, wie tiefe Entspannung, Tagträumen und entspannte Aufmerksamkeit, aber auch Erregtheit, Angst oder Stress wider.
 
Normalerweise ist das menschliche Gehirn in der Lage, sich verschiedenen Situationen respektive Anforderungen flexibel anzupassen und zwischen unterschiedlichen Zuständen zu wechseln (Autoregulation). Ist diese Flexibilität vermindert, kann das zu einem "Festfahren" in unerwünschten oder nicht optimalen Zuständen führen (Fehlregulation). Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass beispielsweise Stress, Belastungen oder chronische Schmerzen EEG-Muster negativ verändern und Fehlregulation begünstigen können. Vom Gehirn ausgehend, verbreiten sich dann über das Nervensystem gewissermassen "Fehlinformationen" im Körper, die diesen zur Produktion von chemischen Stoffen (z. B. Hormonen) anregen, welche dann ihrerseits wieder das Körpergleichgewicht stören und so zu Beschwerden führen oder diese langfristig unterhalten. Mit Hilfe von Neurofeedback können sich ungünstige EEG-Muster nachhaltig verändern respektive reorganisieren.
 
Unser Gehirn ist in jedem Alter (vom Kleinkind bis zum Pensionär) und selbst bei Verletzungen von Hirngewebe (z. B. nach einem Schlaganfall) zu elektrochemischen Reorganisationsprozessen in der Lage (Plastizität des Gehirns). Mittels Neurofeedback unterstützt man mittels der Interaktion zwischen Mensch und Computer das Gehirn dabei, neue neuronale Verknüpfungen zu schaffen und elektrische Erregungsmuster zu modulieren. Die im Neurofeedback angeregte Reorganisation neuronaler Verbindungen im Gehirn kann dessen Leistungsfähigkeit (z. B. Entspannungs-, Konzentrations- und Merkfähigkeit), die Autoregulationsfähigkeiten und emotionales Wohlbeffinden fördern und problematische Verhaltensmuster (z. B. bei Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen) vermindern, da es auf die elektrischen und chemischen Prozesse neuronaler Netzwerke und damit auf die direkte Ursache psychischer und psychosomatischer Erkrankungen Einfluss nimmt.

 

Wann hilft Neurofeedback?

Neurofeedback ist eine sehr sanfte und gleichzeitig wirksame Methode zur Behandlung stressbedingter, psychischer und psychosomatischer Erkrankungen sowie funktioneller Störungen. Die aktuelle Studienlage verzeichnet eine hohe Wirksamkeit von Neurofeedback bei folgenden Beschwerden:

 

  • AD(H)S bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Lernprobleme
  • Schlafstörungen
  • Depressionen, Erschöpfungszustände
  • Innere Unruhe und Nervosität
  • Migräne, Kopfschmerzen, chronische Schmerzen
  • Abhängigkeitserkrankungen
  • Posttraumatische Belastungsstörungen
  • Angststörungen
  • Stimmungsschwankungen, Wut, Impulsivität
  • Tinnitus
  • Zwangs- und Tic-Störungen (z. B. Tourette-Syndrom)
  • Epilepsie

 

Ein spezielles Anwendungsgebiet des Neurofeedback bezeichnet man als "Peak-Performance". Es handelt sich dabei um ein gezieltes Mentaltraining zur Erreichung von Höchstleistungen, z. B. im Spitzensport oder bei Künstlern. Hierbei trainiert man beispielsweise:
 
  • Konzentrations- und Fokussierungsfähigkeit
  • Feinmotorik
  • Künstlerischen und emotionalen Ausdruck

 

Wie lange dauert eine Behandlung mit Neurofeedback?

Je nach Schweregrad und Chroniffizierung von Beschwerden kann man grob von 20 bis 35 Sitzungen ausgehen, damit man durch das Neurofeedback stabile und zeitlich unveränderliche Effekte erreicht. Erste Veränderungen durch Neurofeedback bemerkt man meistens nach 5 bis 10 Sitzungen. Diese Veränderungen sind jedoch oft noch nicht stabil.

 
Anfangs (bis zur 10. Sitzung) kann es unter Umständen sinnvoll sein, 2 oder sogar 3mal pro Woche eine Neurofeedback-Trainingseinheit zu absolvieren. Im weiteren Verlauf und bis zum Abschluss der Behandlung reicht in der Regel eine Trainingssitzung pro Woche aus. Bei Bedarf können Sie nach Beendigung der Neurofeedback-Behandlung im Abstand von mehreren Wochen oder Monaten Sitzungen zum "Auffrischen" in Anspruch nehmen.
 
Achtung: Bei chronischen Krankheitsprozessen, z. B. bei Erkrankungen des Immunsystems oder neurodegenerativen Erkrankungen (Multiple Sklerose, Demenz), kann Neurofeedback Symptome lindern oder Erkrankungsprozesse verzögern. Hierzu ist jedoch eine langfristige und kontinuierliche Behandlung (1 bis 2mal pro Monat) nötig. Eine Heilung oder ein Stopp solcher Krankheitsprozesse ist nicht möglich und in der Regel werden auch zusätzliche Massnahmen (z. B. Medikamente) unabdingbar sein.
 

Was spricht für Neurofeedback?

Hier kann man eigentlich die gleichen Argumente anführen wie bereits beim Biofeedback:

 

  • Neurofeedback ist nicht-invasiv, d. h. dass weder ein mechanischer (z. B. durch einen operativen Eingriff) noch ein chemischer Eingriff (z. B. durch Medikamente) in den Körper vorgenommen wird.
  • Neurofeedback kann die Notwendigkeit des Einsatzes von Medikamenten vermindern oder sogar völlig ausschalten.
  • Neurofeedback kann eine Behandlungsalternative für Patienten sein, bei denen Medikamente kontraindiziert sind.
  • Neurofeedback kann eine Alternative zu Medikamenten unter bestimmten Bedingungen (z. B. während einer Schwangerschaft) sein.

 Ergänzen könnte man:

 
  • Neurofeedback kann nicht nur helfen, Beschwerden zu lindern, sondern auch, persönliche Stärken auszubauen und eigene Fähigkeiten zu optimieren

 

Während einer Neurofeedback-Behandlung treten nur selten Nebenwirkungen auf (z. B. in Form von Müdigkeit), die jedoch in der Regel nach kurzer Zeit (Minuten bis wenige Stunden) wieder abklingen. Neurofeedback ist für Kinder ab ca. 6 Jahren und für Menschen mit Handicap geeignet. Für viele der oben genannten Indikationen sind stichhaltige Wirksamkeitsnachweise in Form kontrollierter Studien erbracht mit mittleren bis hohen Effektstärken.

 

***Bitte setzen Sie nie ohne Wissen ihres Arztes Medikamente ab oder verändern Sie die Dosierung!***